Windenergie

 

Rotmilan vor Rotor

 

§ 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG

"Es ist verboten, wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzten oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören."

 

§ 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG

"Es ist verboten, wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauer-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören; eine erhebliche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert."

 

§ 44 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG

"Es ist verboten, Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abstandsempfehlungen
Seit Ende der 90er Jahren ist bekannt, dass Vögel durch Kollisionen mit Rotorblättern von Windenergieanlagen (WEA) zu Schaden kommen bzw. tödlich verletzt werden können. 2002 wurde damit begonnen diese "Schlagopfer" bundesweit in einer zentralen Datensammlung an der Vogelschutzwarte in Brandenburg zu sammeln. Bisher sind dort die Daten von über 2.100 kollidierten Vögeln dokumentiert. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Zufallsfunde. Die Zahl der tatsächlich verunglückten Tiere ist deutlich höher. Zu den am stärksten betroffenen Arten zählen die Greifvögel.

Mit dem voran schreitenden Ausbau der Windenergie stellt das Kollisionsrisiko für den Vogelschutz ein zunehmendes Problem dar. Bei seltenen Arten bedeuten die Verluste an WEA in der Regel eine Gefährdung lokaler Populationen. Aber auch unabhängig davon, können die Verluste einzelner Individuen, eine Verwirklichung der artschutzrechtlichen Verbotstatbestände des § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG bedeuten.

Vor diesem Hintergrund hatte die LAG VSW (2007)"Abstandsempfehlungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten" (Ber. Vogelschutz 44 (2007), 151 - 153; auch als "Helgoländer Papier" bekannt) veröffentlicht. Diese Empfehlungen basieren auf der Annahme, dass Kollisionen vor allem durch eine geeignete Standortwahl vermieden werden können. Dies bedeutet, dass WEA nur in einem ausreichenden Abstand zu den bevorzugten Aufenthaltsorten von Vögeln (z. B. Brutplätzen) bzw. häufig frequentierten Flugkorridoren errichtet werden sollten. Dabei basieren die vorgeschlagenen Abstände auf artspezifischen Telemetriestudien bzw. Beobachtungen zum Flugverhalten unter der Annahme, dass sich mindestens 50 % der Flugaktivitäten außerhalb des Rotorbereichs befinden sollten.

2011 hatte die LAG VSW mit einer grundlegenden Überarbeitung der Abstandsempfehlungen (2007) begonnen. Damit war vor allem das Ziel verbunden, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die von der Vogelschutzwarte in Brandenburg fortlaufend dokumentiert werden, zu berücksichtigen und artspezifisch aufzuarbeiten. Dies führte bei den meisten Arten zur Verringerung der Prüfradien, in denen das Auftreten überdurchschnittlich hohe Flugaktivitäten untersucht werden soll. Bei den artspezifisch empfohlenen Mindestabständen kam es beim Rotmilan zur einer Erhöhung der bisherigen Empfehlung, da neue Untersuchungen einer größere (als bisher angenommene) Raumnutzung vermuten lassen.

2015 wurde die Überarbeitung der Abstandsempfehlungen durch die LAG VSW abgeschlossen. Zuvor wurden die jeweiligen Entwürfe in der LANA beraten und mit Vertretern des Bundesverbandes für Windenergie (BWE) und der Bund-Länderinitiative für Windenergie (BLEW) diskutiert. Abschließend beschäftigte sich die 55. Amtschefkonferenz im Vorfeld der 84. Umweltministerkonferenz mit dem Thema.

Abstandempfehlungen LAG VSW (2015): pdf (1.8 MB)
Englische Übersetzung: pdf (0.3 MB

Vorgaben und Empfehlungen der Länder
Grundsätzlich stellen die Abstandsempfehlungen einen Bewertungsmaßstab für die Einzelfallentscheidung im Genehmigungsverfahren dar. Aus fachlichen Gründen können die Länder davon abweichen. Zum Teil sind damit methodische Vorgaben zur Datenerhebung und Bewertung der Ergebnisse verbunden. Nachfolgend sind die aktuellen Vorgaben und Empfehlungen der Länder zusammengestellt:

Baden-Württemberg:pdf (0,7 MB)pdf (1.4 MB)
Brandenburg:pdf (0.1 MB)pdf (0.1 MB) pdf (0,1 MB)
Bayern:pdf (0.4 MB)
Hessen:pdf (1.0 MB)
Niedersachsen:pdf (0.7 MB)
Nordrhein-Westfalen:pdf (1.7 MB)
Rheinland-Pfalz:pdf (1.0 MB)
Saarland:pdf (0.9 MB)
Sachsen-Anhalt:pdf (0.1 MB)
Schleswig-Holstein:pdf (3.6 MB)pdf (0.9 MB)
Thüringen:pdf (0.1 MB)

2015 haben das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und die LAG VSW in einem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben begonnen, Eckpunkte für einen gemeinsamen Erfassungsstandard bei WEA-Genehmigungsverfahren zu erarbeiten. Dies geschieht auf Basis der Vorgaben der Länder und den bisherigen Erfahrungen aus der Kartierpraxis. Das Vorhaben wird voraussichtlich 2016 abgeschlossen und soll bundesweit einheitliche Empfehlungen für die Erhebung und Bewertung von avifaunistischen Daten geben.

Kumulative Effekte
Aus naturschutzfachlicher Sicht haben Kollisionsverluste und Meideverhalten auch Auswirkungen auf das Vorkommen einzelner Arten, die nicht direkt mit den Verbotstatbeständen des § 44 Abs. 1 BNatSchG in Verbindung gebracht werden können. Dazu zählen kumulative Effekte inkl. Langzeitfolgen, die aufgrund ihrer Komplexität nur schwer zu beschreiben sind.

Im Gegensatz zu den Kollisionsverlusten, die vor dem Hintergrund des § 44 Abs. 1 Nr. 1 individuenbezogen zu betrachten sind, sind kumulative Effekten stets auf die Population einer Art gerichtet. Dazu gehören alle Auswirkungen, die nicht im Einzelverfahren geprüft werden können und erst in der Summe unterschiedlicher Umstände (z. B. im Ergebnis der Realisierung anderer Vorhaben) zum Tragen kommen. Dies können zusätzliche Schlagopfer in benachbarten Windparks oder die Kombination mit Verlusten an Freileitungen und Straßen sein. Auch die Verknappung von Nahrungsflächen und Brutplätzen oder der geringere Bruterfolg neu verpaarter Vögel können kumulative Wirkungen entfalten.

Die unabhängige Bearbeitung einzelner Genehmigungsverfahren kann dazu führen, dass sich der Lebensraum für einzelne Arten scheibchenweise verkleinert oder Kollisionsverluste nicht mehr im Rahmen der natürlichen Reproduktion ausgeglichen werden können. Es ist also denkbar, dass sich der Erhaltungszustand der Population einer Art verschlechtert, obwohl alle naturschutzrechtlichen Vorgaben im Genehmigungsverfahren eingehalten werden. Solche Entwicklungen gilt es rechtzeitig zu erkennen und mit Hilfe von Modellen zu beschreiben. Darauf aufbauend lassen sich vor allem in der Raumplanung Lösungsansätze finden. Hier können eine naturverträgliche Nutzung der Windenergie vorgegeben und großräumig unzerschnitten Landschaftsräume als Rückzugsgebiete für gefährdete Arten festgelegt werden.